7. Dezember 1970: Ein Kniefall, der Geschichte schrieb

Kniefalls im Warschau
 

„Einer musste es ja machen.“ Mit diesen Worten erklärte Willy Brandt seiner Frau Rut die berühmt gewordene Geste vom 7. Dezember 1970 auf seiner ersten Reise nach Polen. Es war mehr als eine Geste. Es war ein Bild, das um die Welt ging, das Geschichte geschrieben hat. Heute jährt sich zum 35. Mal der Kniefall Willy Brandts in Warschau.

Mit seinem spontanen Kniefall vor dem Ehrendenkmal habe Willy Brandt stellvertretend Verantwortung übernommen für die von Deutschen begangenen Greueltaten, sagte der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck. „Mit dieser Geste der Demut hat der standfeste Demokrat und visionäre Politiker Willy Brandt zum Ausdruck gebracht, dass für Deutschland aus seiner Vergangenheit die Verpflichtung zur Aussöhnung und zu einer friedlichen Nachbarschaft erwachsen ist. Die Erinnerung daran ist für uns zugleich Mahnung und politischer Auftrag“, so Platzeck zum 35. Jahrestag des Kniefalls im Warschauer Ghetto.

Das Zeichen, das Brandt setzte an diesem kalten, verregneten Dezembertag in Warschau, kam für Zeugen der protokollarischen Kranzniederlegung vor dem Ehrenmal des jüdischen Ghettos völlig überraschend. „Dieses wilde, füßescharrende Geschubse der Fotografen plötzlich; die Sekunde der Atemlosigkeit; das Erschrecken. Wo ist er? Was ist denn passiert? Ist er gestürzt? Ohnmächtig geworden?“, fragte sich der Spiegel-Reporter Hermann Schreiber, der den Bundeskanzler auf seiner Polen-Reise begleitet hatte. Eben noch hatte Brandt die Schleife des niedergelegten Kranzes zurecht gezogen, hatte einen Augenblick verharrt und war dann unvermittelt den Blicken Vieler entschwunden, die das Geschehen nicht aus der ersten Reihe beobachten konnten.

Willy Brandt kniete. Ungestützt hatte er sich fallen lassen auf den nassen Granit, an dem Ort, der für hunderttausende Juden die Hölle war, an dem sie umkamen. Der Kanzler, der selbst gegen den Nationalsozialismus gekämpft hatte, bat stellvertretend für alle Deutschen um Vergebung für die Verbrechen des Dritten Reiches.

„Symbole haben im öffentlichen Leben und besonders in der Politik ja nicht erst im Medienzeitalter große Bedeutung“, unterstrich Altbundespräsident Johannes Rau am 8. Oktober 2002 in Berlin in seiner Rede zum zehnten Todestag Willy Brandts und ergänzte: „Symbole sind aber kein Ersatz für Politik. Symbole müssen Signalcharakter für eine bestimmte Politik und eine bestimmte politische Richtung haben. Sie müssen für bestimmte Inhalte stehen. Willy Brandts Kniefall in Warschau: Das war ein Bild, das mehr sagte als alle Worte, aber es war kein Ersatz für fehlende Worte.“

Denn die Worte der Aussöhnung zwischen der Bundesrepublik und Polen waren bereits gefunden – formuliert im „Warschauer Vertrag“, dessen Unterzeichnung der eigentliche Grund für den Besuch des Kanzlers in Polen war. Mit dem Vertrag hat die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze offiziell anerkannt und den Polen damit 25 Jahre nach Kriegsende den Bestand ihrer Westgrenze zugesichert. Die neue politische Orientierung der sozial-liberalen Koalition in der Ostpolitik nahm Gestalt an: Entspannung durch Annäherung.

Im eigenen Land war damals die Ostpolitik Brandts nicht unumstritten. Der Traum der aus den ehemalig deutschen Gebieten Vertriebenen auf eine Rückkehr in ihre alte Heimat war ausgeträumt. „Für viele meiner Landsleute, deren Familien im Osten gelebt haben, ist dies ein problemgeladener Tag. Manche empfinden es so, als ob jetzt der Verlust eintritt, den sie vor 25 Jahren erlitten haben“, wusste der Kanzler und fügte hinzu: „Mit diesem Vertrag wird nichts verspielt, was nicht Hitler schon verspielt hat.“

Kniefalls im Warschau
 

 


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